Wenn ich mich heute so anseh’...

Weißt Du, alter Freund, Jetzt ist es schon beinahe zwanzig Jahre her, daß ich aus Nürnberg weg bin. Zwanzig lange Jahre. Den Kopf voller Ideen, die Taschen voller Träume und den unerschütterlichen Glauben an... ach ich weiß nicht einmal genau an was eigentlich! War’s so was wie Liebe, Menschlichkeit... Zukunft vielleicht? Genaugenommen war’s nur eine ziemlich wage Vorstellung, die ich da hatte, von dem was wir so gemeinhin „Leben" nannten. Aber sie war doch voller Wärme und Zuversicht. Und ich verfügte über eine satte Portion Selbstvertrauen. Die ganze Welt wollten wir einreißen und völlig neu wieder aufbauen. Einfach alles damals wollten wir ändern - alles was uns doch so unglaublich stank an dieser Welt!
Doch nun glaube ich, hat diese Welt uns verändert. Kaum merklich zu Beginn - doch jeden Tag ein Stückchen mehr. Und irgendwann, war aus diesem Tatendrang, diesem „Mach drauf!", plötzlich eine bleischwere Müdigkeit geworden. Eine Müdigkeit, die uns auf den Boden drückt, wenn wir uns eigentlich erheben sollten... die uns die Kraft unserer Stimmen raubt, wenn wir schreien sollten... und die uns allzu oft die Augen schließen läßt, wenn wir wachsam sein sollten.
Überkommt mich doch die bittere Erkenntnis, daß sich diese Wut in meinem Bauch , allmählich gewandelt hat in eine Lethargie, die mich immer häufiger zurücksinken läßt in Situationen, in denen ich früher mit dem Kopf durch Wände gestürmt wäre.
Und habe ich mir noch eine Zeit lang einzureden versucht, „SIE" hätten mich abgestumpft, „SIE", die Obrigkeitsdenker, die Anpasser, die Einordner, die „mit dem Strom Schwimmer", so weiß ich doch heute, daß ich ganz alleine es war, der mich zu dem gemacht hat was ich heute bin.
Weil es so bequem ist zu verdrängen.... Schuld zu zuweisen, oder mit einem „Du kannst ja doch nichts ändern, daran!" zur Tagesordnung über zu gehen.
Nein... ganz aufgegeben habe ich glaube ich , noch nicht, aber... Ach verdammt!...

Wenn ich mich heute so anseh’
dann muß ich wohl einräumen,
ich hab’ mich weit entfernt von mir
und meinen Träumen.
Und mich beschleicht so ein Gefühl,
daß was geblieben ist,
nur ein kleiner, ja kastrierter, braver
Freizeitanarchist.

Haben wir uns nicht als Kinder schon, mit aller Kraft zur Wehr gesetzt, und überkam uns nicht damals schon Übelkeit, wenn man uns sagte: „Das hat man nicht!", „Das tut man nicht!", „Du mußt dich anpassen, oder du gehst unter!". Und glaubten wir uns nicht später erhaben, als sie noch zu retten versuchten, was zu retten sie glaubten noch zu können und uns mit ihren Phrasen abzukochen, wie: „Du mußt im Leben eben Kompromisse eingehen!" ?
Haben wir uns doch in unserer Rolle, als selbst ernannte Weltverbesserer so sicher gefühlt. Und all die Arschlöcher, haben wir uns gesagt, die können uns doch alle mal!
Und jetzt?
Jetzt sind wir fast schon, genau wie sie, die so sind wie wir niemals werden wollten. Sicher, ein klein wenig anders sehen wir uns schon noch, wir geben uns weniger konformer... Doch sind dies alles nicht nur Äußerlichkeiten, die wir uns erhalten haben um unser Gewissen zu beruhigen und uns, unserer eigenen Trägheit nicht ständig bewußt zu werden? Denn innen drin - tief in uns - dieses lodernde Feuer... ganz langsam, kaum merklich ist es niedergebrannt. Und der laute Schlag unserer Herzen, Tag für Tag und Jahr um Jahr, ist er leiser geworden. So das ich mich selbst manchmal, kaum noch hören kann...

Wenn ich mich heute so anseh’
dann muß ich wohl einräumen,
ich hab’ mich weit entfernt von mir
und meinen Träumen.
Und mich beschleicht so ein Gefühl,
daß was geblieben ist,
nur ein kleiner, ja kastrierter, braver
Freizeitanarchist.

Ja, mein Freund... es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir noch gebrannt - lichterloh - und wir haben laut gegen Gebirge gebrüllt. Zu allem haben wir erstenmal energisch „Nein!" gesagt.
„Nein!" - nur weil alle anderen „Ja" gerufen haben.
Sicher, im Nachhinein betrachtet, hat es uns auch nicht weiser gemacht, dennoch glaube ich, es war wohl immer noch besser, als zu allem immer nur schön brav mit dem Kopf zu nicken - oder es zumindest einfach geschehen zu lassen. Denn genau das ist er doch, der Weg in die Agonie unserer Seelen:
WIR LASSEN ES GANZ EINFACH NUR ZU!

Written by Jörg

 


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